Alex Zwalen

Text

Für Alex Dädalos Zwalen

von Peter Killer

Vor 15 oder 20 Jahren hätte sich leicht eine Themenausstellung über Ikaros und seinen Sturz organisieren lassen. Dutzende, Aberdutzende von Künstlerinnen und Künstlern beschäftigten sich mit Ikaros. Allenthalben wurden Federn und Federchen aufgeklebt, Flügel gemalt, fotografiert. Das in Winterthur prominenteste Beispiel in dieser Reihe ist die 3.50 m hohe Flügelfotografie von Balthasar Burkhard an der Kantonsschule Büelrain.
Die Allgemeinbildung ist zwar keineswegs mehr allgemein, aber ich denke, dass auch heute noch die oder der andere weiss, dass Ikaros eine Gestalt aus den griechischen Sagen ist, mit der die Geschichte der Luftfahrtsunfälle beginnt. Die Hauptperson in der Sage ist aber nicht Ikaros, sondern sein erfinderischer Vater Dädalos. Seinen Namen kennen nur wenige. Er versuchte zusammen mit Ikaros mit künstlichen Flügeln aus dem Gefängnis in Kreta in die Heimat zu fliehen. Sein Versuch gelang. Ein Absturz ist spektakulärer als das Gelingen. Dehalb ist der Name Dädalos nicht geläufig.
Der Mensch braucht seine tägliche Dosis an Nervenkitzel, an Exzessivem, an Niegesehenem, Niegehörtem. Das wissen auch die Medienleute. Im Frühling dieses Jahres wurde berichtet, dass ein katastrophales Bienensterben im Gang sei, möglicherweise die Bestäubung der Ostbäume ausfallen werde, und kürzlich stand zu lesen, es gäbe 2011 mehr Obst denn je, und die Honigernte habe ein Rekordausmass.
Dädalos hat Ikaros empfohlen: «Flieg immer, lieber Sohn auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn du den Flug zu sehr nach unten senktest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen, oder, wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe kommt und plötzlich Feuer fange. Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, immer nur meinem Pfade durch die Luft folgend.»
Dädalos hat beim Flug den Goldenen Mittelweg gewählt und ist ans Ziel gelant. Alex Zwalen ist Dädalos. Er versteht sein Handwerk und schafft eine Kunst, die dem Exzessiven so fern ist wie allem brav Langweiligen, die zwischen Sonne und Wasser liegt.
Im Frühsommer nahm Alex an der Ausstellung «All diese altmodischen Sachen» im Oxyd teil. Die Ausstellung hat mir gefallen, aber der Titel nicht. Das Malen ist nicht altmodisch geworden, nur weil neue Medien und Techniken in die Kunst Eingang gefunden haben. Die höchstbezahlten Kunstwerke sind nach wie vor Malereien, und zumindest der Finanzdirektor des Zürcher Kunsthauses hat rückblickend grosse Freude an der Franz Gertsch-Ausstellung.
Kunst machen ist eine kreative Tätigkeit. Kreiieren heisst neuschöpfen. Kunsthandwerker dürfen im geschützten Rahmen der Tradition arbeiten, Künstler nicht. Aber das Neue, das die Kunst in die Welt bringt, muss nicht so offensichtlich sein, dass es auch Narrenaugen begreifen. Wer nicht sehen kann, wird sagen, Giorgio Morandi habe immer dasselbe gemalt. Das stimmt nicht, aber er hat seinen Forschungsweg in ganz kleinen Schritten begangen. Als Gegenspieler könnte man Francis Picabia nennen, der immer für eine Überraschung gut war, den Stil wie die Unterwäsche wechselte. Von ihm stammt der Ausspruch «Unser Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann». Tönt gut, aber ist Unsinn. Wir tragen glücklicherweise kein rundes Leder auf dem Hals. Die Augen sind vorn, die symmetrische Formung gegeben. Es gehört auch keineswegs notwendigerweise zur künstlerischen Entwicklung, dass das Denken ständig seine Richtung ändern muss. Ich halte es da lieber mit dem behutsameren Bertolt Brecht, der erkannte: «Wer A sagt, der muß nicht B sagen. Er kann auch erkennen, daß A falsch war.»
Cézanne sprach von der Intelligenz des Auges, diese Intelligenz scheint mir beim Malen ohnehin wichtiger zu sein als reflektive Denken. Alex Zwalen hat ein intelligentes Auge.Die westliche Kunst eine Geschichte der Innovation. Die Geschichte der Technik noch in viel stärkerem Mass. Sie wissen es, was uns die Elektronikbranche heute verkauft, ist der Schrott von morgen. Viele junge Künstlerinnen und Künstler haben dieses Prinzip verinnerlicht und schaffen entsprechendes. Alex Zwalen wird nie behaupten, er schaffe «ewige Werte», seine Kunst überdauere alle Wechsel und Entwicklungen, die noch bevorstehen. Sicher nicht. Aber zumindest von der Technik her wird sie ein längeres Leben haben als die Videodaten und Fotoarbeiten.
Innerhalb der Traditionen arbeiten, hat vor dem heutigen kulturellen Hintergrund nichts Altmodisches, sondern etwas Widerständlerisches. Und auch das gefällt mir an der Kunst von Alex Zwalen, dieses Malers aus Leidenschaft.
Rund ein Jahr lang hat Alex in Winterthur gemalt, fünfzig Bilder, die zum Teil durch ungezählte Skizzen vorbereitet worden sind. Ganz offensichtlich ist er mit Lust und Freude an der Arbeit. Keines der Bilder wirkt routiniert. Das Malen ist ihm nach wie vor ein Abenteuer. Abenteuerlich waren oft auch die Entstehungsumstände dieser Bilder. In der Öffentlichkeit hat er früher schon oft skizziert, aber nun erstmals gemalt. Er ist somit ein Teil der Öffentlichkeit geworden, den Kommentaren und der Kritik ausgesetzt, aber auch vom Lob getragen.
Mir gefällt sein Konzept, weil es erlaubt, vertraute Örtlichkeiten mit Kunstwerken zu vergleichen und so zu erfahren, was Maleraugen sehen und die malende Hand tut. Vorbild und Abbild vergleichen zu können – das ist eine schöne Möglichkeit, vom Wesen des Künstlerischen etwas erfahren zu
können . 
Der Halbwinterthurer scheint seine Stadt ganz offensichtlich zu lieben. Er malt eine friedliche, menschliche Stadt, eine Gartenstadt, eine Stadt unter einem Himmel, der in seiner Bläue geradezu mediterran anmutet.
Gustav Schwab, der Autor der «Sagen des klassischen Altertums» schreibt: «Dädalos war der kunstreichste Mann seiner Zeit, Baumeister, Bildhauer und Arbeiter in Stein. In den verschiedensten Gegenden der Welt wurden Werke seiner Kunst bewundert, und von seinen Bildsäulen sagte man, sie leben, gehen und sehen und seien für kein Bild, sondern für ein beseeltes Geschöpf zu halten.» Ich weiss nicht, ob sie diese Bilder hier auch für beseelte Geschöpfe halten. Aber zumindest geben sie etwas von der Seele der Stadt wieder.

Ich gratuliere Alex Dädalos Zwalen zu dieser Ausstellung.













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